MUT PROBEN Karten

Was denkst du, was ich für einer bin?


Ich gehe lesend auf dem Bürgersteig entlang. Zwei Männer kommen mir entgegen, stark tätowiert, leichter Alkoholgeruch. Der eine spricht mich an: „He, was liest du da?" Ich schaue auf das Buch: „Das Familientrauma."

„Mensch, so was brauchst du nicht zu lesen, entweder du hast 'ne Familie, oder..." Ich sehe, wie er die linke Hand öffnet und die rechte Faust darauf zu bewegt, und unterbreche ihn: „...oder es gibt eins auf die Nase!?"

„Was denkst du, was ich für einer bin?", antwortet er heftig. Mir war im gleichen Moment durch den Kopf geschossen: Was denke ich da eigentlich? Ich schaue ihn voll an und sage: „Ja, was denk' ich eigentlich, was du für einer bist, das hab ich auch grad gedacht!" Da fängt er an zu reden, von seiner Familie, seinen Überzeugungen. Es wird ein längeres Gespräch, nicht alles sagt mir zu. Irgendwann will er weiter. „Mach's gut und lass das Buch", rät er mir. Seine Frage hängt mir noch nach: „Was denkst du, was ich für einer bin?"

 

erlebt von: Gundula Lemke

 

 

Ich brülle: „Lasst ihn, was soll das?“


Der Gottesdienst war schön. Weltgebetstag der Frauen, Essen, Lieder, Gebete, Tänze. Im Vorraum ist eine Ausstellung mit Drucken und Kalligraphien. Bei einem Bild bleibe ich stehen: der Blick aus einem Fenster in den Hinterhof. Dazu die Schrift: „In der Welt Gottes Dienerin sein." Etwas spricht mich an. Die Künstlerin fragt, ob ich das Bild haben möchte, sie schenke es mir. Ich nehme verwundert an.

Zehn Minuten später auf der Heimfahrt, die Ampel zeigt rot. Ein junger Mann, schwarz gekleidet, wird gejagt. Plötzlich steht er neben mir, klopft an die Autoscheibe. Ich fahre an, bloß weg! Meine Füße bremsen. Ich steige aus. Er liegt am Boden. An seinen langen schwarzen Haaren haben sie ihn über die Straße gezogen, dann Fußtritte. Ich brülle mit einer Stimme, die ich nicht kenne: „Lasst ihn, was soll das?" Einen Moment steht die Zeit. Die Verfolger rennen davon, ich gehe zu ihm. Nein, mitkommen wolle er nicht. Zu Hause zittere ich. Später rolle ich mein Geschenk aus und lese: „In der Welt Gottes Dienerin sein."

erlebt von: Marlies Richter

 

 

Draußen steht maßlos verblüfft der Breitschultrige


Erregtes Reden in der U-Bahn stört mich auf. Zuerst sehe ich nur einen Mann: groß, blond, stämmig, Elbseglermütze über dem Vertrauen erweckenden Gesicht. Dann erst bemerke ich die kleine Frau, sichtbar Ausländerin. Sie hat ein Mädchen an der Hand und versucht, einen Kinderwagen durch die Tür zu bugsieren. Aber der große Blonde weicht keinen Zoll zur Seite.
„Bitte lassen Sie einsteigen!", ruft die Frau. Er steht da wie eine deutsche Eiche. Verzweifelt schiebt sie ihn schließlich mit dem Kinderwagen weg, während zwei junge Männer die Tür am Zuschnappen hindern. Nun öffnet sich der Mund unter den Blauaugen: „Sowat is wohl bei euch in Afghanistan üblich oder wo ihr herkommt - schert euch doch dahin zurück!"
Da geschieht es. „Unerhört!" ruft eine Frau, andere stimmen ein. An der nächsten Haltestelle  wird der markige Typ von der geballten Macht sanfter Frauenhände hinaus auf den Bahnsteig gedrängt. Der Zug fährt an, draußen steht mit maßlos verblüfftem Gesicht der Breitschultrige, und drinnen sagt die kleine Frau: „Aber er wollte doch weiterfahren ...!"

erlebt von: Helle Wiese

 

 

Diese drei Texte haben wir wieder auf Karten gedruckt, die Ihr gegen Spende bestellen könnt bei geschichten@mut-proben.de oder per Telephon unter 040 - 60 55 80 22 (Anrufbeantworter).

 

 

 

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